Sarahvaupel

Von der Chemisch-Technischen Assistentin zur Erzieherin – Mit dem Mut zur Veränderung Quereinsteigerin

Sarah Vaupel berichtet über ihre Ausbildung am BerufsschulCampus Schwalmstadt

Liebe Sarah, du bist - etwas verspätet - erst im Herbst 2018 zu uns an den BerufsschulCampus Schwalmstadt gekommen, um hier deine Ausbildung zur Erzieherin zu absolvieren. Bitte gib uns mal einen Eindruck, welche Gedanken dir am Abend vor deiner Einschulung durch den Kopf gingen und wie es dir am ersten Schultag in deiner neuen Klasse ergangen ist.

Hallo Frau Heine, natürlich war ich sehr gespannt, was auf mich zukommt, was mich erwartet - ich war ja lange „draußen“ aus dem Schulleben. Ich hatte etwas Sorge, dass ich die Älteste in der Klasse bin und dadurch nicht so leicht Anschluss finde. Aber diese Befürchtung war schnell verflogen, denn zum einen war ich nicht die einzige Quereinsteigerin in ihrer Klasse und zum anderen habe ich schnell gemerkt, dass ich meine Erfahrungen in den Unterricht einbringen kann und dass andere Sichtweisen positiv wahrgenommen werden. Ich habe mich in diesem „bunten Haufen“ schnell heimisch gefühlt.

Du hast deine Ausbildung zur Erzieherin als sogenannte „Quereinsteigerin“ begonnen. Was hast du vorher beruflich gemacht und was hat dich bewogen, noch einmal von Neuem zu beginnen?

Ich war zunächst als Chemisch-Technische Assistentin tätig, später dann als Sicherheitsfachkraft, also in der „Security“. Danach habe ich als Produktionsmitarbeiterin bei Freudenberg meinen Lebensunterhalt verdient. Zuletzt war ich Wägerin bei Oppermann und dort für die Verladung und Abnahme von Kies, Sand und Beton zuständig und bin dabei einen ziemlich großen Radlader gefahren. Alle meine Jobs waren männlich dominierte Berufe, die nicht so familienkompatibel sind. Als ich dann Mutter wurde und mein Sohn Schorsche auf die Welt kam, wollte ich mich nochmal neu orientieren. Ich wollte einen Beruf, der Sicherheit bietet und der kinder- bzw. familienfreundlicher ist.

Wie lange hat es gedauert bis du dir sicher warst, dass du Erzieherin werden möchtest und du deine Bewerbung bei uns abgegeben hast?

In 2016 habe ich mit meiner Schwangerschaft meinen Job bei Oppermann beendet. Ich wollte mich zunächst erstmal voll und ganz auf mein Kind konzentrieren. Irgendwann war mir klar, dass ich Erzieherin werden möchte und so habe ich dann Kontakt zur Fachschule hier in Ziegenhain aufgenommen. Beim Erstgespräch in der Schule wurde ich darauf hingewiesen, dass ich noch praktische Erfahrung im sozialen Bereich benötige, um aufgenommen werden zu können. Also absolvierte ich im Sommer 2018 ein Praktikum in einer Kita. Nachdem Schorsche dann auch in seiner Kita eingewöhnt war, konnte es mit der Ausbildung am BerufsschulCampus losgehen. Ich bin also etwas später in das Schuljahr gestartet. Klar, musste ich das Verpasste nachholen, aber das war machbar.

Eine persönliche Entscheidung zu treffen ist das eine, die formalen Voraussetzungen für eine Umschulung zu erfüllen das andere – wie muss man sich das Prozedere bei der Agentur für Arbeit vorstellen? Hast du Unterstützung von jemandem erhalten?

Man sagte mir dort, wenn ich diesen Weg einschlagen wolle, dann nur mit ganzem Herzen! Man gab mir relativ schnell das „go!“ für die Bewerbung an der Fachschule, aber unter der Bedingung, dass ich keine allzu großen Fehlzeiten anhäufe und dass ich das Anerkennungsjahr nicht splitte, sondern in einem Jahr durchziehe. Dafür bekam ich während der Schulzeit finanzielle Unterstützung beim Lebensunterhalt und auch wenn in Schule mal Kosten anfielen, wurden diese von der Agentur für Arbeit übernommen. Außerdem war es mir wichtig, einen Ansprechpartner während der Ausbildung zu haben – die Agentur für Arbeit hat mir auch Rückhalt gegeben.

Du bist zudem Mutter und warst eine Zeit lang unter der Woche auch alleinerziehend. Wie hast du das alles unter einen Hut bekommen?

Man muss unbedingt einen Plan haben! Zunächst muss man sein Kind gut versorgt und untergebracht wissen: Ich habe Modul 3 in der Kita gebucht, das heißt Schorsche war und ist auch jetzt von 7:00 bis 16:30 Uhr in der Kita. Ich war morgens in der Schule, wenn ich nach Hause gekommen bin, musste ich mich sofort hinsetzen und die Schulaufgaben erledigen. Jetzt komme ich nachmittags von der Arbeit. Dann war und ist „quality-time“ mit meinem Sohn angesagt: Nach der Arbeit verbringe ich immer viel Zeit mit ihm. Das ist total wichtig, dass man auch abschalten kann. Auch für das Kind ist es wichtig, dass man das gut trennen kann. Klar, war das oft auch sehr anstrengend und nicht immer rosig. Ich habe manchmal geheult und gedacht, ich schaffe das alles nicht. Aber ich hatte immer auch Rückhalt von meiner Familie und ja auch etwas Positives vor Augen! Das hat mich dann wieder stark gemacht meinen Plan durchzuziehen.

Gibt es prägende Erinnerungen an die Zeit am BerufsschulCampus bzw. der Fachschule für Sozialwesen in Ziegenhain?

Ach, da gibt es viele schöne Erinnerungen! Ich fand es toll, dass wir zu besonderen Anlässen gemeinsam in der Klasse gefrühstückt haben und immer etwas zu lachen hatten. Man hat sich gegenseitig wahrgenommen und respektiert, auch wenn wir so verschieden waren – die Altersspanne ging ja von 18 bis Mitte 30. Auch an unsere Kennenlern-Fahrt am Edersee denke ich zurück oder an die Übernachtung im Wald. Es war viel familiärer Zusammenhalt in der Klasse, das war ein schönes Gefühl. Wir haben echt viel gelacht und viele spannende Sachen erlebt. Dann finde ich bemerkenswert, was man in zwei Jahren alles lernt; die Ausbildung ist echt komplex und entspricht überhaupt nicht dem Klischee, das manche noch in den Köpfen haben, so nach dem Motto „Ach, die machen eh nicht viel.“ Ganz im Gegenteil, der Stoff ist sehr umfangreich und dass ich so viel gelernt habe, finde ich immer noch bemerkenswert. Ich habe an der Schule auch Menschen getroffen, die mir etwas bedeuten und zu denen ich auch jetzt noch Kontakt habe.

Dein vorheriger Beruf war inhaltlich ja sehr weit weg von dem der Erzieherin. Inwiefern hast du dich persönlich verändert in dieser Zeit der Ausbildung? Hast du neue Seiten an dir entdeckt, die in deinem vorherigen Beruf keine Rolle spielten oder auch keine Rolle spielen durften?

Ich war immer eher Einzelgängerin und jetzt als Erzieherin merke ich, dass ich doch sehr gesellig bin und das Miteinander genieße. Auch in der Kita, in der ich gerade mein Anerkennungsjahr absolviere, hat man mich so freundlich aufgenommen. Das fühlt sich richtig toll an! Ich habe eine kreative Ader und viel Phantasie – beides kann ich in den Beruf voll einbringen. Das macht mich zufrieden.

Du absolvierst zurzeit dein Anerkennungsjahr in der Kita „Regenbogen“ in Ziegenhain. Was möchtest du den Kindern mitgeben auf ihren Lebensweg?

Im Moment ist es mir ein Anliegen, die Kinder mit aller Kraft aus dieser dunklen Zeit herauszuholen und sie mit ihren Ängsten nicht allein zu lassen. Zum Teil war die Stimmung unter den Kindern wegen Corona sehr angespannt und traurig. Kinder äußern ihre Sorgen und Ängste oft leise und versteckt zwischen den Zeilen. Man muss schon genau hinhören und sehr feinfühlig sein, um zu verstehen, was sie mit sich herumtragen. Ich will genau hinhören und ihre Botschaften aufgreifen, ihnen Mut machen und ihnen die Verzweiflung nehmen, die ich manchmal spüre. Kinder sollten unbeschwert spielen und lachen dürfen und nicht darüber nachdenken müssen, ob der Kontakt zu anderen gefährlich sein kann.

Nun ist auch das 3. Ausbildungsjahr fast geschafft: Wenn du deiner Zeit am BerufsschulCampus eine Überschrift geben solltest, wie würde diese lauten?

Oh, da muss ich mal überlegen. Ich glaube sie lautet: Mut zur Veränderung! Und ich weiß, es war die richtige Entscheidung für mich. Es fühlt sich gut an.

Was würdest du all denen sagen, die auch über einen Quereinstieg in den Erzieherberuf - bzw. über eine Ausbildung zum/zur ErzieherIn bei uns am BerufsschulCampus in Ziegenhain nachdenken?

Traut euch, es lohnt sich. Wo man gefordert wird, kann sich Persönlichkeit entwickeln!

Herzlichen Dank für das Interview, Sarah! Es hat mich gefreut, dich wiederzusehen. Ich wünsche dir weiterhin alles Gute. (Quelle: Sarah Vaupel/Martina Heine)


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